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Das Zelt Napoleons wurde abgebrochen. Er begab ſich in ein unfern gelegenes Bauerhaus, das er von Zeit zu Zeit verließ, um einen Ritt durch das Lager zu machen und den Muth der Truppen durch ſeine Gegenwart zu beleben. Mit der ſteigenden Sonne wurde es ſchwül und ſchwüler. Die drückende Hitze der langen Sommertage des Nordens drohte Alles zu erſticken; die Sonne ſchoß glühende Pfeile herab. Die Truppen hielten ſich ſtill im Lager; die Sorge für die Pferde und Waffen war die einzige Beſchäftigung, welche man vornahmz; doch ſelbſt dieſe ermüdete in der durchglühten Luft. Jedes ſchattige Fleckchen wurde aufgeſucht und be⸗ nutzt; ein friſcher Trunk war das einzige Labſal, wornach man ſtrebte. In Agypten ,in Syrien, nicht in dem nordi⸗ ſchen Rußland glaubte man Krieg zu führen.
Endlich wuchſen die Schatten wieder, die Sonne neigte ſich. Gegen acht Uhr Abends brachen einige Pionierabthei⸗ lungen nach dem Strome auf, um die Brücken zu ſchlagen. Mit der naͤher und näher rückenden Minute der Entſcheidung ſtieg die Spannung. Schon deswegen würde der Schlaf die erwartungsvollen Krieger geflohen haben, wenn ſie auch nicht in der ermattenden Hitze des Tages der Ruhe gepflegt hät⸗ ten. Endlich um Mitternacht kam der Befehl zum Aufbruch. In größter Stille ſollte man ausrücken; kein Laut durfte gehört, kein Funke geſehen werden.
Raſinski ließ aufſitzen und rückte in dicht geſchloſſenen Colonnen auf einem breiten Wege vor, der nach dem Strome führte. Nach einer halben Stunde machte man Halt auf einem mit thauigem Getreide bewachſenen Hügel. Die hun⸗ grigen Pferde rupften das junge Korn abz die Leute lager⸗ ten ſich auf dem feuchten Boden. Mit Ungeduld erwartete man den Anbruch des Tages. Düſtere Nachtnebelwolken ver⸗ zögerten ihn. Endlich erhob ſich ein friſcher Wind, zerſtreute
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