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da die Morgennebel verdichteten, gehüllt. In weniger als einer Viertelſtunde hatte man die Waldhöhen, welche den Lauf des Niemen begleiten, erreicht. Der ſchöne Strom ſchim⸗ merte blaß glänzend, halb erlöſchende Sterne wiederſpiegelnd, zwiſchen den dunkeln Ufern. Ienſeit beginnt das ruſſiſche Gebiet.
Der Kaiſer hielt auf der Anhöhe ſtill und ſah ſich einige Zeit aufmerkſam nach allen Seiten um. Dann ſprengte
er im kurzen Galopp die Höhe hinunter nach dem Fluſſe zu.
Als ſein Pferd die feuchte Sandfläche des Ufers erreichte, ſank es plötzlich mit den Vorderfüßen ein, ſtürzte und ſchleuderte den Reiter über ſich hinweg auf den Boden.
Einen Augenblick fühlte ſich Jeder durch dieſes Ereigniß, welches einem unheilvollen Vorzeichen zu ähnlich ſah, betrof⸗ fen; Raſinski war ſo überraſcht, daß er unwillkürlich halb laut ausrief:„Ein Römer würde umkehren.“ Das rings herrſchende tiefe Schweigen und die Morgenſtille, welche den Schall ſo weit fortpflanzt, bewirkte, daß die Worte von Allen gehört wurden. Selbſt der Kaiſer, der raſch aufge⸗ ſprungen war, mußte ſie vernommen haben, denn er ſah ſich aufhorchend um, ſagte jedoch nichts. NRuhig beſtieg er ſein Pferd wieder und ſetzte die Recognoscirung fort. Er rief Raſinski in ſeine Nähe und ſprach öfters lebhaft mit ihm. Eine gute Stunde lang ritt er am Ufer entlang, dann wandte er um, ſprengte einen Hügel hinab, winkte den Marſchall Berthier zu ſich und befahl, indem er mit der Hand auf den Strom deutete, daß mit der einbrechenden Abenddämmerung an drei Punkten des Ufers, die er beſtimmt angab, Brücken geſchlagen werden ſollten. Hierauf kehrte er nach ſeinem Zelte zurück, und Raſinski ritt mit ſeinen beiden Begleitern der Stelle ſeines Bivouacs wieder zu.
Der Tag verging in einer erwartungsvollen Unruhe
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