Reiz der Jugend. Der Strom ließ ſein dunkelblaues Band durch die grünen Gefilde flattern; die Wipfel der Tannen wurden von milden Lüften gewiegt; aus den Gebüſchen er⸗ tönte der Geſang der Droſſel; über den Feldern wirbelte die Lerche; Schwalben kreuzten über dem Spiegel des Waſſers; an den ſteilen, grünen Hügelwanden, die ſich in den Strom hinabſenkten, hingen die Heerden; wohin das Auge blickte, Leben, Freude, Gnade! Eben rief der feierliche Ton der Glocke zum Frühgottesdienſt, denn es war Feſttag! Da kam eine ſüße Wehmuth über die Duldende. Die Bilder und Träume der Jugend drangen mit alter, heiliger Kraft in ihr Herz; ihre Thränen floſſen ſanft. Mit jedem Tro⸗ pfen, der ihren Augen entrann, hob ihre Bruſt ſich freier, füllte ſich mehr und mehr mit gläubigem Vertrauen.„Gott iſt mir nahe,“ rief ſie ſtark und freudig aus,„ſich fühle ſeine ſegnende Kraft. Muth denn, Feodorowna; Du haſt nach ſeinem Gebot gehandelt, er wird Dich nicht verlaſſen.“
So geſtärkt und im Innerſten gekräftigt, beſchloß ſie zur Kirche zu gehen und die Andacht der Landleute zu theilen.
Als ſie zurückkehrte, fand ſie das Schloß in lebhafter Bewegung. Das im Thor angebundene Pferd eines Koſacken unterrichtete ſie ſchon von weitem von der Ankunft eines Bo⸗ ten. Es dauerte auch nicht lange, ſo kam der Vater zu ihr aufs Gemach und redete ſie folgendermaßen an:„Du weißt, meine Tochter, daß ich meine gegebenen Verſprechungen ſtreng halte; aber ich komme, mich zum Theil durch Dich davon entbinden zu laſſen. Du wollteſt drei Tage zu Deiner Samm⸗ lung haben. Gern hätte ich ſie gewahrt. Doch vor weni⸗ gen Minuten traf ein Bote, den mir der General ſendet, mit Briefen für mich und den Fürſten Ochalskoi hier ein. Der Feind iſt wirklich über den Niemen gegangen und rückt 3


