—
— 25—
*
nes Vaterlandes; aber dennoch vermochte er nicht, ſeiner Bewunderung des Mannes, vor dem Europa bebte, zu entſa⸗ gen. Dieſer Streit in ſeiner Bruſt hatte ihn ſchon oft ſchmerzlich zerriſſen, und jetzt ging er, durch die Rückkehr in ſeine Heimat, durch die Nähe des ungeheuren Krieges, deſſen ſchwarzes Wettergewölk ſich mit jedem Tage düſte⸗ rer zuſammenzog, neuen furchtbaren Kämpfen dieſer Art entgegen.
„Wir ſind geboren,“ ſprach er nach einer Pauſe mit leiſer Stimme,„um die Schuld unſerer Väter zu ſühnen. Das eiſerne Rad des Schickſals zermalmt uns; ach, ich weiß es nur zu wohll Aber nicht auf Die wälze ich die Schuld, die den Richterſpruch der unvermeidlichen Nemeſis vollſtrecken. Die Geſchichte hält ein ſtrenges, ſchweres Strafggricht. Sie
richtet nur Thaten, nicht Thäter. Darum büßen wir die
Schuld der Vorfahren. Aber auch die eigne; denn dürfen wir uns von feiger Verſunkenheit und Entartung freiſprechen? Deutſchland—— o laſſen Sie mich ſchweigen, denn mein Herz blutet, wenn ich daran denke!“
Beide ſchwiegen; da bog ſich der Weg ein wenig nach Oſten, und plötlich glänzte ihnen der ſanfte Mond, der im reinſten Aether zwiſchen zwei zackigen Berggipfeln ſchwebte, entgegen, gleichſam als ein freundliches Pfand der Gottheit, daß nach dem Sturm die Ruhe wiederkehren werde. Zu⸗ gleich ſtiegen über der ſchwarzen, aus dem Schatten der Nacht aufwachſenden Felswand vor ihnen zwei ſilberweiße Schnee⸗ hörner empor, die das Mondlicht glänzend zurückwarfen.
„O Gott!“ hauchte Bianca aus tiefgerührter Bruſt, ergriff die Hand ihrer Pflegerin und deutete auf die Schnee⸗ gipfel.
Ludwig fühlte,
daß warme, milde Thränen über ſeine Wangen pollten.
Er drückte ſich das Tuch vor die Augen 2
2


