Teil eines Werkes 
1. Band, 1812 : ein historischer Roman : 1. Theil (1843)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

Die eine, ältere, war offenbar eine Dienerin. Die jüngere, deren dunkles Gewand durch ein weißes leichtes Spitzentuch gehoben wurde, trug über dem Strohhut einen grünen Rei⸗ ſeſchleier, den ſie eben zurückſchlug, ſodaß er im Luftzug rückwärts flatterte. Dieſer Anblick weckte eine lebhafte Er⸗ innerung in Ludwig auf. Gerade bei ſeinem Eintritt in Italien, als er über den großen Bernhard in das Thal von Aoſta hinabſtieg, hatte er ein weibliches Weſen getroffen, deſſen Bild ihm nicht verloren gegangen war, und für welches er ein ähnliches Zeichen des äußeren Erkennens in der Vor⸗ ſtellung trug. Damals nämlich ſah er beim Beſteigen des Berges, kurz vor dem Hospitium, vor ſich eine Karavane, wie es ſchien, von reiſenden Engländern, unter denen ihm eine auf dem Maulthiere ſitzende, ſchlanke weibliche Geſtalt auffiel, die ſich das Antlitz, um gegen den blendenden Glanz des Schnees geſchützt zu ſein, durch einen grünen Schleier verhüllt hatte. Obwol die Reiſenden ſich nur wenige hun⸗ dert Schritte vor ihm befanden, und er, von einem ſeltſam lebhaften Gefühl getrieben, ſich beſtrebte, ſie einzuholen, ſo gelang es ihm dennoch nicht, da ſie zwar nur durch einen kurzen Raum, aber durch einen mühſam zurückzulegenden Weg von ihm getrennt waren. So blieb der grüne Schleier ihm ein leuchtender Zielpunkt auf den weißen Schneefeldern, bis er in der Pforte des Hospitiums verſchwand. Er hoffte, Abends an der Tafel den Gegenſtand ſeiner ahnungsvollen Theilnahme kennen zu lernen; doch vergeblich. Nach Dem, was er hörte, vermuthete er, daß die Unpaͤßlichkeit einer älteren Dame, wahrſcheinlich der Mutter des jungen Mäd⸗ chens, die Urſache ſei, weshalb Beide in ihrem Gemache blie⸗ ben. Am andern Morgen hatten die Reiſenden ungewöhn⸗ lich fruͤhzeitig ihren Weg fortgeſetzt Ludwig erfuhr es kaum, als ihn ein Gefühl der Sehnſucht nach der Fremden ergriff,