Die Prinzeſſin Lieven iſt niemals ſchön geweſen; ſie ſelbſt geſteht es offen ein. Sie hat alſo nicht ſo mancherlei Zerſtreuungen gehabt, ſondern alle ihre Fähigkeiten unge⸗ ſtört auf die Intriguen wenden können und ſo ihre Gedan⸗ ken auf die höchſten politiſchen Sphären geworfen. Gegen⸗ wärtig zählt ſie über fünfundvierzig Jahre. Sie bewohnt ein beſcheidenes Hotel in der Rue Saint⸗Florentin, vormals die Wohnung Talleyrands, und empfängt keine diplomati⸗ ſchen Beſuche, dagegen ſieht ſie ſtets einen ausgewählten Kreis von Leuten aus allen politiſchen Parteien um ſich.
Man kann ſich die Herrſchaft, welche ſie über den Zaar behauptet, nicht erklären; jedoch hat dieſer Monarch noch nicht einwilligen wollen, direkte Depeſchen von ihr zu bezie⸗ hen. Sie empfängt von ihm einen geheimen Gehalt von vierzigtauſend Franken jährlich. Oeffentlich äußert der Kai⸗
ſer oft, daß Madame Lieven eine Närrin ſei und er ſich we⸗ nig um ſie kümmere, allein die geheime Correſpondenz nach St. Petersburg an den Bruder der Prinzeſſin iſt in voll⸗ ſter Thätigkeit. Die finſteren Gewebe der Politik ſind das Element der Madame Lieven, in dieſen verborgenen Gewe⸗ ben hat ſie lange Zeit in London gelebt. Die Geſellſchaft, welche ſie ſucht, iſt ſehr gemiſcht, aber originell und anzie⸗
hend. Der einzige Luxus ihres Hauſes beſteht in ſchönen Kammermädchen, welche wirklich außerordentlich ſind: der Diplomatie ſind alle Mittel recht.
Man wird leicht begreifen, daß die Perſönlichkeit der Madame Lieven dem Alter und den Gewohnheiten der Donna
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