Bis die Tochter Ben Jakobs nach Rom kam, hatte ſie kein Buch weiter als die Bibel geſehen. Sie konnte wie Joas vom Heiligthume ſagen:
— Dieſer Tempel allein iſt die Heimath, welche ich kenne.
Nichtsdeſtoweniger lagen in dem herrlichen, hohen Ge⸗ müthe Noemis die glücklichſten Keime verborgen; bei ihr war die Unthätigkeit nur ein Schein; die Gluth ihres Blicks, der edle Ausdruck ihrer Mienen, die Ironie ihres Lächelns und das ganze Weſen ihrer Perſönlichkeit kündigten mächtige Fähigkeiten an, welche nur eines Hauches bedurften, um zu lebendiger Flamme angeblaſen zu werden.
Die verfloſſene Woche war mit mancherlei unglücklichen Vorzeichen angefüllt geweſen. Noemi hatte mehrere Male die Anzeichen einer geheimen Beklommenheit wahrgenommen. Aus der Bemühung, welche man ſich gab, die Angſt zu ver⸗ bergen, hatte ſie auf verborgenes Leiden geſchloſſen. Sie war einige Male auf vertrauliche Unterredungen gekommen und hatte wohl ſo viel erhaſcht, daß ihr Stamm neuen Ver⸗ folgungen ausgeſetzt ſei. Die Thränen ihres Vaters erfüll⸗ ten ſie mit Schrecken; der unbeugſame Charakter des Greiſes wich nur einer wirklichen, unvermeidlichen Gefahr.
In das ängſtliche Gefühl Noemis miſchte ſich eine un⸗ begrenzte, peinliche Empfindung. Ohne daß ſie ſich von den Gefühlen, die ſie quälten, Rechenſchaft zu geben vermochte, war es ihr klar, daß ſie dieſer Trauer und dem von ihr an⸗ gekündigten Unglück nicht fremd ſei. Die Scene im Garten
l.. 8


