Teil eines Werkes 
1. Band (1851)
Entstehung
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Nachbarſchaft; es iſt dies noch ein Ueberbleibſel orientali⸗ ſcher Sitte. 4

Noemi hatte das einſame Plätzchen aufgeſucht, nicht blos um eine ungelegene Geſellſchaft zu fliehen, ſondern auch um ſich zu ſammeln und die unruhigen Gedanken, welche ſeit einigen Tagen in ihr wogten, zu verſcheuchen.

Die Tochter Ben Jakobs gehörte jenem Schlage an, den wir wohl mit der Bezeichnung„bibliſch“ belegen; ſie hing feſt an den Vorſchriften des moſaiſchen Geſetzes. Noemi hatte ihre Mutter nicht gekannt, dieſelbe war bei ihrer Geburt geſtorben. Der Vater hatte ſie unterwieſen und ihr eine ſtrenge, ernſte, ausſchließlich religiöſe Erziehung ertheilt. Früh⸗ zeitig war ſie zu ſtrengſter Beobachtung der Vorſchriften ihrer Lehrer angehalten. Ihre Kindheit und die erſten Jahre ihrer Jugend waren in Erlernung der Gebräuche verfloſſen, Ver⸗ gangenheit und Zukunft waren ihr ein Fremdes geblieben. Ein blinder Gehorſam gegen den Vater, buchſtäbliche Erler⸗ nung und Befolgung aller Vorſchriften der heiligen Bücher waren die einzigen Grundſätze, welche Ben Jakob ſeiner Toch⸗ ter eingeſchärft hatte. Der Vater Noemis war ein Mann von ſtrengem Anſehen. Sie war ein Kind ſeines ſpätern Alters und hatte ihn ſtets nur in würdiger, ernſter Haltung geſehen; daher warihre Ehrfurcht gegen ihn beinahe in Scheu umgewandelt. Das junge Mädchen hatte in dem väterlichen Hauſe in einſamer Zurückgezogenheit und faſt ohne daſſelbe zu verlaſſen gelebt. Erſt als ſie mehr in das Alter der Jung⸗ frau trat, war ihr der Verkehr mit einigen Verwandten und