Teil eines Werkes 
3. Band (1867)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16

Sie wußte aber auch, daß er übernommene Verbindlich⸗ keiten mit einer peinlichen Accurateſſe ausführte. Der feine, höfliche und geſchmeidige Mann wurde im erſtern Falle oft höchſt derb und unartig, entwickelte jedoch im zweiten Falle eine enorme Geduld und die liebens⸗ würdigſte Freundlichkeit. Er war ein Mann, der die Welt und die Menſchen kannte, der ſich durchaus zum Führer eines jungen Mädchens eignete, welches durch ſeinen Rang, durch ſeinen Stand und durch ſein Ver⸗ mögen einen Weg über die Weltbühne zu machen ge⸗ zwungen war. Graf Harald hatte richtig gewählt, als er ihn zum Vormund, alſo zum Beſchützer ſeiner Tochter ernannte, aber hier, vor dieſer Tochter des Grafen Harald, ließ den ſcharfſinnigen Hofmann zum erſten Male ſeine Kunſt, das menſchliche Gemüth durchſchauen zu können, in Stich. Der Hofmarſchall begriff Dora Bella nicht. Ihre Ruhe befremdete ihn. Sie litt innerlich mehr, als ſie zeigte. Der Tod ihres Vaters ſchmerzte ſie was hemmte denn ihre Thränen, die, ein Zoll natürlichen Schmerzes, das Menſchenherz erleichtern?

Das Unerklärliche dieſes Seelenzuſtandes begann ihm Intereſſe einzuflößen. Er verließ die junge Dame mit dem feſten Entſchluſſe, den innern Kern ihres Weſens gründlich zu erforſchen, bevor er ſich in das