Teil eines Werkes 
3. Band (1859)
Entstehung
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behutſam einen Brief hervor und verglich ihn mit dem eben geleſenen des Helden Adolar.

Wie ein Nebel ſank es von ihren Augen, als ſie ſich überzeugte, daß ihr Verlobter ſich ſeine Liebes⸗ correſpondenz ſehr leicht gemacht hatte. Mit bittern Empfindungen ſchlich ſie aus dem Zimmer, die Briefe und das Buch in der Hand, um in der Einſamkeit ihres Stübchens die Forſchungen fortzuſetzen.

Ihr Entſchluß war ſchon gefaßt, aber ſie wollte nicht in der Uebereilung handeln, ſondern nach reiflicher Prüfung und in ruhiger Ueberlegung.

Innerlich empört, hatte ſie dennoch ſo viel Ge⸗ walt über ſich, eine gründliche Unterſuchung der Briefe vorzunehmen, und ſie mit denen des Romans zu ver⸗ gleichen. Die Probe fiel zu ihrem ſtillen Entſetzen glänzend aus. Wort für Wort hatte Benno, in ehr⸗ loſer Weiſe, einem Buche entlehnt, um ihr Herz zu bethören. Alle Liebesworte waren abgeſchrieben, und der Situation, nebſt dem Namen angepaßt, wie es nothwendig war.

Wie albern erſchien ſich das junge Mädchen in der Nacherinnerung des Entzückens, das ſie damals

eim Leſen dieſer Briefe empfunden hatte! Aber an dieſer Beſchämung erſtarkte ihr Vorſatz. Niemals, das

fühlte ſie, niemals konnte ſie mit einem Manne ein 14*