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Machtlos warf ſich Ringforth in einen Seſſel. Er ſah wie durch einen Nebelſchleier Leopoldine an's Sopha treten; er ſah, daß ſie der apathiſch vor ſich niederblickenden Unglück⸗ lichen die Hand darbot, die dieſe nicht ergriff, ſondern ganz erſtaunt betrachtete und widerwillig zurückſchlug.
„Einen Arzt— einen Arzt!“ ſtöhnte Ringforth in aus⸗ brechender Herzensqual.
„Sie kennen mich nicht, gnädige Frau?— Ich bin Poldy Depping“, ſprach Leopoldine freundlich, aber mit feſter, ausdrucksvoller Stimme, um ihr gleichſam zu imponiren. Es gelang ihr.„Depping— Depping—“ wiederholte Frau Adele, und ein kokettes Lächeln überflog, wie ein Hauch, ihre Lippen, um alsbald wieder zu verſchwinden.„Hubert ſei mein Anbeter und Arnold heirathe meine Tochter Urſel,“ ſagt Meineke— Albernheit— ¹ murmelte ſie vor ſich hin und kauerte ſich wieder in ihre Ecke.„Mich friert, Poldy,“ klagte ſie,„mich hat den ganzen Winter gefroren,— ſie glaubten es aber nicht.“
Leopoldine warf Ringforth einen beſchwichtigenden Blick zu.„Sie iſt krank. Laſſen Sie ſchnell den Arzt kommen!“
Und der Arzt kam. War die unglückſelige Frau krank?
Nein, ſie hatte weder Fieber noch körperliche Leiden. Inner⸗ lich, wohin trotz aller Stethoskope kein Arzt dringen kann,
da ſteckte die Wurzel des Uebels, das man als eine Zerrüt⸗ tung des Nervenſyſtems bezeichnete, weil man es nicht anders erklären konnte.
Ringforth berief die berühmteſten Aerzte der Umgegend.
Ihr Urtheil lautete übereinſtimmend. Sie erklärten den
V Zuſtand ſeiner Gattin mehr für einen Stumpffinn, als für
Irrſinn verhehlten ihm jedoch nicht, daß eine Heilung nicht zu hoffen ſei.


