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Kampf überall : Novelle / von Ernst Fritze
Entstehung
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Urſel darauf ſtütze Dich und vertraue mir. Nun geh'. Solche Aufregungen taugen Dir nicht. Ich will Arnold bitten, Dich in Deine Wohnung zu führen und Dich zu zerſtreuen.

Sie führte die junge Frau zur Thür, küßte ihr ſchmeichelnd und liebkoſend die Wangen und übergab ſie ihrem Gatten Arnold zur weitern Verfügung. Aber ſo ru⸗ hig und gelaſſen ſie das vollführte, in ihr wogte und wallte es doch ſtärker, als ſie ſehen laſſen wollte. Ob Urſula davon eine Ahnung hatte, läßt ſich nicht entſcheiden. Aber Ring⸗ forth, der die kurze Unterredung mit angehört hatte, wußte, wie edel und groß dies Mädchen handelte, indem ſie eine ſo ſchwere Bürde auf ſich lud. Er trat raſch zu ihr ein, ergriff ihre Hände und ſagte tiefbewegt:Wie ſoll ich Ih⸗ nen danken, Poldy! Gott ſegne Sie für Ihre Güte!

Dieſer Segen liegt ſchon in meiner Pflichtausübung, entgegnete Leopoldine einfach. Ringforth hob raſch ihre Hände an ſeine Lippen, und im nächſten Moment trat er in das Zimmer, wo ſeine unglückſelige Gattin, in der Stellung ei⸗ nes Kindes, das ſich der Regeln des Anſtandes nicht bewußt iſt, hingekauert lag. Die Augen halb geſchloſſen, die abge⸗ magerten Hände auf den hochgezogenen Knieen gefaltet, be⸗ tete ſie flüſternd einen Vers ohne Sinn und Verſtandvon Sündenblut und Jeſus Herzelein.

Ringforth trat unbemerkt nahe heran und betrachtete voller Schrecken das Gebild, das ſich ſeinen Blicken darbot. Ein unendliches Erbarmen füllte urplötzlich ſeine Seele. Ihr Bild war in ihm verlöſcht, ſeine Liebe zu ihr erſtorben; als er ſie jedoch ſo hilfsbedürftig, ſo jammervoll elend vor ſich liegen ſah, da überwältigte ein Schmerz eigener Art