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Kampf überall : Novelle / von Ernst Fritze
Entstehung
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hatte. Leopoldine hatte es ganz ſo herſtellen laſſen, wie es ehedem geweſen.

Urſula brach in Thränen aus. Sie legte ihre Wange an das bleiche, ernſte Geſicht der Freundin.

Darf ich denn fortgehen und meine unglücklichen Eltern allein laſſen, Poldy? fragte ſie leiſe, aber leidenſchaftlich und ſtürmiſch bewegt.

Du mußt Deinen Pflichten als Gattin folgen; Du mußt

fortgehen! Aber Poldy, meine Mutter iſt meiner Hilfe, ſehr, ſehr bedürftig

Du haſt heiligere Pflichten zu berückſichtigen, Urſel! Ich bleibe hier und ſuche Deine Stelle zu vertreten.

Poldy, es iſt fürchterlich für ein Kind, die Schwächen der Mutter den Blicken Anderer preisgeben zu müſſen, flüſterte Urſula ſehr leiſe.

Wenn man ſie vor böswilligen Urtheilen ſicher weiß und unter guter Pflege, ſo hat man kein Recht, ſich ſelbſt mit Vorwürfen zu martern.

Und wenn ſie Dich beleidigt, wenn ſie Dich kränkt, wenn ſie nicht berückſichtigt, daß Du aus reiner Herzens⸗ güte ein Opfer bringſt? Wenn es Dir dann zu ſchwer wird?

Leopoldine hob ihre Augen und ließ ſie mit Entſchloſſen⸗ heit auf Urſula's Antlitz ruhen. Sie gedachte der jahrelan⸗ gen Marter, der ſie durch Huberts leichtfertiges Gebahren, durch ſeine ſtumme Werbung in Blick und Geberde ausge⸗ ſetzt geweſen und dennoch nicht müde geworden war, die Unannehmlichkeiten im Hauſe zu ertragen.

Zu ſchwer wird einem feſten und ſtillen Herzen nichts,