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Kampf überall : Novelle / von Ernst Fritze
Entstehung
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Frau Lindner ſtürzte eilig in ihr Hinterſtübchen, wo ihr Mann, ohne Ahnung der Welt⸗ und Hausereigniſſe, ſich bei einem Schatzkäſtlein erbauete.

Während deß hatte Urſula ihre Mutter hinauf und in das wohldurchwärmte Wohnzimmer gebracht. Hier erſt zog Dame Adele ihren Schleier vom Geſicht und ließ ſich von der Tochter küſſen. Urſula erſchrack. Bleich und mit ein⸗ geſunkenen Wangen, mit glanzloſen, unbeweglichen Augen ſtand die Mutter vor ihr, ein kühles Lächeln um die Lippen, wie von Gewohnheit erzeugt. Sie ließ ſich willig von der Tochter ihrer Winterhüllen entkleiden wie vormals, fragte jedoch nichts und beantwortete auch die Reden Urſula's An⸗ fangs nicht.

Dieſer Zuſtand von Gleichgiltigkeit hatte zuletzt etwas Beängſtigendes und trieb Urſula zu einem feſtern und raſchern Vorgehen.

Den Vater findeſt Du nicht daheim, Mama, ſagte ſie herzigfreundlich;aber da er oftmals Freitags Abend zum Beſuch kommt, ſo kann es ſein, daß er heute mit Arnold von der Reſidenz eintrifft.

Das wär' gut, antwortete ihre Mutter langſam und gleichmüthig.Tante Kynar i*ſt geſtorben, Urſel, und ſie ſoll, nach Meineken's Erkundigungen, kein Teſtament gemacht haben. Dein Vater muß die Sache in die Hand nehmen, fagt Meineke

Urſula verbarg die Anzeichen ihrer großen Ueberraſchung und fragte bedauernd und theilnehmend nach den Umſtänden des erfolgten Todes, nach der Krankheit der Tante, ohne der Hinterlaſſenſchaft weiter Erwähnung zu thun.

Frau Adele lächelte ſtärker und trat vor den Spiegel, indem ſie ſagte: