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blickte hinab. Ein Wagen, deſſen Rollen im Schnee ge⸗ dämpft erſchien, kam durch das Flockengewimmel daher ge⸗ ſauſet. Er hielt plötzlich vor der Thür, deren Treppenſtufen vollſtändig verſchneiet und zu einem unförmlichen Haufen gemacht worden waren.
Raſch wurde das Wagenfenſter der Droſchke niedergelaſſen. Ein Herr, verhüllt in Plaid und Reiſekappe muſterte den Schneehaufen vor ſich, der ein Erſteigen der Stufen faſt un⸗ möglich machte. Schnell entſchloſſen, riß er indeß den Wagenſchlag auf und ſprang mit einer plumpen Eilfertig⸗ keit aus dem Wagen, natürlich bis an die Knieen im Schnee verſinkend.
Urſula mußte lachen über die unbehilfliche Behendigkeit, womit er dann ſich zur Thür hinauf arbeitete. Doch legte ſich gleich darauf eine kleine Beklemmung auf ihre Bruſt— der Herr kam ihr in Manier und Geberde bekannt vor.
„Ei, Du mein Gott!“ hörte ſie die Wirthin des Hauſes im höchſten Affect einer außergewöhnlichen Ueberraſchung rufen, und gleichzeitig erſchien die Magd, bewaffnet mit Schaufel und Beſen, um Bahn nach dem Wagen zu fegen.
Wenige Minuten nur, und dem Wagen entſtieg, geſtützt und ritterlich behütet vom danebenſtehenden Herrn, eine Dame, verſchleiert und in Pelze gehüllt.
„Meine Mutter—“" ſchrie Urſula, bebend vor Aufregung, im Aufruhr widerſtreitender Empfindungen der Thür zu⸗ fliegend und die Treppen hinabſtürzend, ohne Leopoldinen zu beachten, die mit ſchreckensbleichen Mienen und angſterfüllten, weitgeöffneten Augen vom Kaffeetiſche ihr entgegentrat.
Betäubt blickte ſie der jungen Freundin nach. Dann faltete ſie ihre Hände, hob ſie in einem Anfalle von verzweif⸗ lungsvoller Trauer hoch empor und flüſterte:


