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Kampf überall : Novelle / von Ernst Fritze
Entstehung
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Und der Schluß der politiſchen Wirren ließ auch nicht allzulange auf ſich warten. Die Debatten im Abgeordneten⸗ hauſe verliefen Anfangs ſtürmiſch und unbefriedigend. Dann trat, wie auf Ordre höherer Macht, Windſtille ein, die Furcht und Hoffnung zugleich weckte. Ehe man ſich dann deſſen verſah, reichte ein Miniſter nach dem andern ſein Ent⸗ laſſungsgeſuch ein. Von Zweien wurde es angenommen; die übrigen blieben. Unter den Zweien war Ringforth's erbitterter Gegner der Erſte, und mit ſeinem Zurücktritt löſete ſich der Bann, der ihn ſeines Amtes unwürdig erklärt hatte.

Darüber war der Winter beinah verfloſſen. Der Früh⸗ ling ſollte bald beginnen, noch aber bewies der Winter ſeine launiſche Herrſchaft und ließ Frühlingsluſt und Frühlings⸗ glauben nicht aufkommen.

Es war März. Der Schnee ſiel in leichten, großen Flocken nieder und verſchleierte die hübſchen Fernſichten. Das Thal mit ſeinen Badegärten und Sommerhäuſern bildete mit den Höhen eine weite, weiße Fläche, die von dem grau be⸗ wölkten Himmel gleichſam eingeengt erſchien.

Urſula war Gaſt bei Leopoldinen. Ihr Gemahl war nach der Reſidenz geeilt, um ſich dem neuernannten Miniſter vorzuſtellen. Sie erwartete ihn gegen Abend zurück, zog es jedoch vor, die freien Stunden einmal wieder im lieben alten Vaterhauſe zuzubringen. Sie ſtand am Fenſter und ließ ihren Blick über das weite Schneefeld ſchweifen. Unwillkür⸗ lich gedachte ſie des erſten Tages, wo ſie hier geſtanden und ſich über die ſchöne Ausſicht gefreuet hatte. Was war Alles ſeit dem geſchehen! Wie glücklich war ſie geworden! Wie raſch hatte ſich Alles verändert! Ein leichtes Geräuſch auf der Straße ſtörte die junge Frau in ihren Reflexionen. Sie

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