— 200—
„Ja. Er ſpricht nicht glänzend, aber überzeugend. Seine Rede weicht nie von der Sache, um Staat zu machen, und dieſe Selbſtloſigkeit macht ſie ſiegreich.“
„Laſſen Sie das um Gotteswillen nicht die alte Gnädige hören. Sie haben Ihre Meinung geändert, lieber, beſter Schulrath; Sie ſind doch nicht abgefallen von uns?“
„Keinesweges, mein gnädiges Fräulein. Allein, wenn ſich die Verhältniſſe ändern, darf man nicht blind ſtehen bleiben.
Früher hieß es, ſich um die Miniſter ſchaaren und zu ihrer
Fahne ſchwören, jetzt gebietet die Klugheit, ſich neutral zu halten.“
„Sie glauben doch nicht das Miniſterium in Gefahr?“ fragte die Geſellſchafterin in ſchadenfroher Haſt.
„Unbedingt in Gefahr! Zwei werden mindeſtens ge⸗ zwungen ſein, ihr Portefeuille niederlegen zu müſſen. Die Spottblätter ſchlagen ſchon Allarm.“
Bis dahin hatte der Schulrath mit dem eifrigen Flüſtern weltlicher Intereſſen ſein Geſpräch geführt, jetzt fiel er in den Ton ſentimentaler Religionsſchwärmerei zurück.
„Es iſt eine Welt voll Sünde, mein gnädiges Fräulein. Hoffen wir zu Gott, daß unſere momentane Niederlage der Uebergang zu unſerm Siege iſt; hoffen wir auf die Gnade des Herrn!“
Fräulein Emma ſchien nicht beſtimmt auf dieſe Gnade zu rechnen, indem ſie ſich den Zorn der Generalin wieder vergegenwärtigte. Sie winkte ſtumm mit der Hand und
flog ihm voraus, um die vorgekommene Kataſtrophe zu mel⸗
den und der ſchnellen und unvermutheten Abtrünnigkeit des
Herrn Hubert durch die Ankunft des geiſtlichen Raths einen heilſamen Balſam hinzuzufügen. Der Schulrath folgte lang⸗ ſam und gefliſſentlich zögernd.


