— 198—
„Herr Schulrath!“ rief die freudig überraſchte Geſell⸗ ſchafterin und reichte ihm beide Hände dar. Allein ſchnell ihrer Pflicht eingedenk, fragte ſie haſtig:„Haben Sie den Lieutenant Depping nicht geſehen? Sie müſſen ihm be⸗ gegnet ſein?“
„Allerdings,“ antwortete der geiſtliche Rath mit mildem, gütevollen Lächeln.
„Wo? Verzeihen Sie— ich muß ihm nach! Er ſoll unverzüglich zur Generalin kommen; ſie will Verabredungen mit ihm treffen, will ihm Aufträge geben. Morgen will ſie die Stadt verlaſſen. O mein Gott, hier ſind fürchterliche Dinge paſſirt, lieber, beſter Schulrath!“
„Ich weiß Alles! Ringforth wird zum Sprecher der Fraction deſignirt werden, und ſomit iſt Alles zu fürchten,“ flüſterte Schulrath Meineke wichtig und geheimnißvoll;„des⸗ halb eben eilte ich hieher. Aber bemühen Sie ſich nicht um Hubert Depping; er hat mir im Fluge auf der Hausſchwelle aufgetragen, der Generalin zu melden:„er bedauere, die ihm zugedachte Ehre als Reiſecavalier ablehnen zu müſſen; er wolle vorläufig erſt nach Kopenhagen, dann nach Stockholm, um däniſch und ſchwediſch zu lernen. Dann beabſichtige er zu gleichem Zwecke nach England, nach Frankreich, nach Italien und nach Spanien zu gehen. Wenn er ſich in allen Sprachen vollſtändig eingeübt habe, würde er kommen und ſich den Damen mit der größten Ergebenheit zur Verfügung ſtellen.“
Fräulein Emma ſchlug die Hände zuſammen. Ihr bleiches Antlitz zeigte Spuren der Entrüſtung, mit Schadenfreude
gemiſcht. „Kommen Sie, lieber Rath, kommen Sie,“ flüſterte ſie


