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Thränen, nicht durch den Ernſt des Lebens hatte ſie ihre Harmloſigkeit eiugebüßt, ſondern durch das Lächeln der eige⸗
nen Mutter, das dieſe ſtets für andere Männer hatte, doch
niemals für ihren Vater. Sie trug es als ein Geheimniß in ihrem Kinderherzen, daß ſie die Schwäche der Mutter er⸗ kannt hatte bis zu einem Tage, wo ihr Vater mit ſtolzem Manneswort Rechenſchaft von ſeiner Gattin zu fordern be⸗ rechtigt ſchien. Böſe Zungen hatten Thatſachen übertrieben, um ihm Kränkungen zuzufügen. Ein warnender Freund war zu ihm gekommen, um ihm Mittheilungen über umlaufende Gerüchte zu machen, da trat Urſula mit Kindesmuth und Kindesunſchuld für die Mutter ein. Ihre Erklärung be⸗ ruhigte des gekränkten Vaters Herz,— ſeine Tochter erſchien ihm als der Schutzgeiſt ſeines Hauſes. Aber jetzt? was für Erfahrungen folterten ihr Herz!
War es eine Kette von Zufälligkeiten, die ſich ihr durch
Hubert's Anweſenheit in der Reſidenz enthüllte? Unmöglich! Und ſie war nicht der Mutter zur Seite wie ſeit dem erſten dämmernden Bewußtſein ihrer Kinderjahre, wo ſie, vom In⸗ ſtinet geleitet, der Mutter eine oft unbequeme Geſellſchafterin blieb. Ohne den Abgrund menſchlicher Leidenſchaften zu kennen, beurtheilte Urſula die gefahrloſe, kalte Koketterie ihrer Mutter ganz richtig; aber würde die Welt zaudern, die Ehre ihrer Familie anzutaſten, wenn jetzt, angeſichts ihrer Verlo⸗ bung mit dem Bruder Huberts, ihre Mutter auf eine Tren⸗ nung ihrer Ehe beharrte?
Urfula ſchrieb unter dem Einfluſſe ihrer tiefen, ſchmerz⸗ lichen Befürchtungen, und ihre Feder wurde von der Begeiſte⸗ rung für ihr Vorhaben geführt. Sie zeigte ſich willig, ihr Leben, ihr Glück zu opfern, nur bat, flehte ſie, beſchwor die


