Druckschrift 
Kampf überall : Novelle / von Ernst Fritze
Entstehung
Einzelbild herunterladen

„Thörichtes Kind,“ ſagte er ruhig,„denkſt Du, ich hätte nicht Alles erwogen, bevor ich ſchrieb?“

Urſel ſeufzte aus voller, bedrückter Bruſt.„Was danach kommt, werde ich zu tragen wiſſen,“ fügte er tröſtend hinzu, 4 indem er ſeine Briefe einſteckte, um ſie ſelbſt zur Poſt zu tragen.

Es war ein Tag der Aufregung. Wie es oft im Menſchen⸗ leben vorkommt, daß ein Sturmwind durch die friedlich ge⸗ ſtimmten Seelen fährt und alle ſchlummernden Geſühle wach rüttelt, ſo geſchahe es an dieſem Tage mit Urſula. Nichts fürchtend und nichts hoffend, war ſie ſich am frühen Morgen nur bewußt: wie ſchön das Leben ſei, wenn eine friſche, herrliche Natur es einſchließe und mit idylliſchen Freuden ſchmücke. Aber kaum trat der Tag mit ſeinen Ereigniſſen 3 in Kraft, ſo fuhren Wolkengebilde an ihrem Morgenhimmel auf und bedeckten mit ihrem Schatten ihre geprieſenen Freu⸗ den der Einſamkeit. Das herzlich aufrichtige Weſen der Mutter des Mannes, den ſie in reinem Kindesglauben für den herrlichſten im Weltall hielt, hatte ſie wunderbar er⸗ griffen und ihr eine ideale Meinung von deren Mutterliebe beigebracht. Im raſchen Wechſel machte ſich dann ihre tiefe, verehrende Liebe für den Vater geltend, und ſie fühlte ihre Ruhe ſchwinden; denn die Sorge und Furcht trat ein.

Nachmittags kam endlich Leopoldine, um ſie zum Spazir⸗ gang abzuholen, dem die Lady Elmore allmälig gekräftigt, ſich anſchließen wollte.

Es wäre eine Erleichterung für Urſel geweſen, hätte ſie 3 Alles, was ſie bewegte und drückte, in Poldy's treue Bruſt

niederlegen dürfen; allein die geheimen Leiden ihrer Familie entſchleiern, hieß das Vertrauen des Vaters verrathen.