Im Grunde war er aber um einige Linien gemüthlicher als Hubert— ſeine Indolenz ließ ihn ſanftmüthiger erſcheinen. Das junge Mädchen gehörte zur Familie. Man nannte ſie mit neckiſchem Muthwillen bald„Olly“ bald„Poldy“, einer nichts weniger als hübſchen Abkürzung ihres Namens Leopoldine. Die junge Dame war nicht gerade ſchön zu nennen, aber ihr belebtes Mienenſpiel und ihr friſcher, hübſcher Teint machten ſie zu einer anmuthigen Erſcheinung. Sie ſtellte es ſich ſtets zur Aufgabe, ihren Vettern und ihrer Tante gefällig und dienſtbar zu ſein; doch that ſie dies mit dem Anſtande einer Dame und mit der freundlichen Artigkeit eines aufmerkſamen Familiengliedes; ſie erzwang⸗ ſich dadurch mit richtigem Tacte die Geltung, die ſie als die Bruderstochter des verſtorbenen Hausherrn und als ſeine Pflegetochter zu beanſpruchen berechtigt war. Leo⸗ poldine war das Factotum des Hausweſens geweſen bei Lebzeiten ihres würdigen Oheims, und es fiel auch keinem der Erben dieſes Oheims ein, ihr den Platz im Hauſe ſtrei⸗ tig machen zu wollen, den ſie nach der ausdrücklichen Be⸗ ſtimmung des Verſtorbenen ſo lange behaupten könne, wie es ihr ſelbſt beliebe. Man vermochte ſich eigentlich auch gar nicht zu denken, daß„Poldy“ im Hauſe fehlen dürfe; aber ganz ſo, wie früher, war ihre Stellung doch nicht. Es fehlte der Mann, der ſie ihrem Werthe nach ſchätzte. Wenn man auch nicht behaupten konnte, die Frau Tante erkenne ihre Leiſtungen nicht an oder ſie ſei unzufrieden darüber, ſie als feſtgewurzelt im Hauſe betrachten zu müſſen, ſo richtete ſich doch jetzt allmälig eine unſichtbare Schranke zwiſchen den beiden Damen des Hauſes Depping auf, die mit der Zeit für beide Theile Unbehaglichkeiten mit ſich führen
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten


