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Verantwortung von ſeinen Schultern los zu werden, die ihn längſt peinigte.
Gertrud ſaß allein. Holde Träume umflogen ſie. Ihre Prüfung erreichte ein Ende. Der Tag war da, den ſie heiß erſehnt hatte, der Tag, wo ſie voller Stolz und Jubel verkünden konnte, daß Er, der geliebte, ſchöne Mann längſt ihr eigen geweſen ſei. Gertrud ſaß allein, als ſich urplötzlich die Thür öffnete und der Baron Lot⸗ tum zu ihr eintrat. Es war ihr zu Muthe, als ob ſie es gar nicht anders erwartet hatte. Hold und gut blickte ſie ihm entgegen, und eine warme Empfindung durch⸗ ſtrömte ſie, als er eilig näher trat, als er ihre Hände ergriff und ſie feurig an ſeine Lippen preßte.
Baron Lottum war ihr niemals ganz gleichgiltig geweſen und ſein zorniger Abſchied hatte ſie bisweilen zu einer ſanften Traurigkeit verleitet. Es war dem jungen Manne günſtig, daß ſie, in der Freude ihn ſo verſöhnt und liebevoll zu erblicken, die Klarheit ihres reinen Sin⸗ nes einbüßte und ſich auf kurze Momente, ſeltſam befangen, ſeiner leidenſchaftlichen Begrüßung überließ. Im Stil⸗ len ſeines Triumphes ſicher gab er ſeiner Freude Worte, wie ſie immer von den Lippen eilen, wenn Herzenswal⸗ lung die heißen Wellen überſtrömen läßt, und er erlaubte ſeinen Blicken eine Sprache, die Gertrud fremd war, ihr


