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„Sie müſſen fort,“ ſprach Wolf ſich erhebend, ohne ihre Hand loszulaſſen, die er erfaßt hatte.„Noch einige Stunden— und die Allarmſignale werden ertönen. König Auguſt hat unſere Allianzanträge verworfen, wir werden ihn alſo zwingen müſſen zu dem, was er nicht gutwillig als ſein Beſtes anerkennen will. Sie müſſen Dresden verlaſſen, bevor die Unruhe ausbricht. Ich muß fort, mein Oberſt wartet auf mich, mein Regiment ſteht nicht ſo in der Nähe, daß ich Ihnen meinen Schutz verheißen könnte, wenn es zur Attaque kommt. Fahren Sie ſogleich, damit Sie beim Einbruche der Nacht ſchon in der Nähe von Wilsberg ſind.“ Er faltete ſeine beiden Hände um ihre kleine, weiche Rechte, ſah ihr feſt in die ſtrahlenden Au⸗ gen, die ihm insgeheim einen Schwur leiſteten, und rief: „Gott beſchütze Sie!“
Als Gertrud ſich beſann, war ſie mit ihrem Onkel allein und fühlte ſich von ſeinen Armen umſchlungen. Ganz verwundert gewahrte ſie ihr Geſicht von rinnenden Thränen überſtrömt.
„Er iſt fort!“ flüſterte ſie vor ſich hin. Dann lehnte ſie ſich feſter an den Domherrn und ſprach:„Nicht wahr, mein lieber Ohm, Du gibſt mich ihm zur Frau; Du haſt nichts dagegen, wenn er auch gegen unſer Vaterland ſtrei⸗ tet? Nicht wahr, Du wirſt mein Beſchützer, wenn unſere beiden Kriegeshelden, die jetzt in Pirna ſitzen, ſich auf⸗ lehnen ſollten gegen mein Herzensbündniß? Nicht wahr,


