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im Stande ein Wort hervorzubringen, das ſie zu beſänf⸗ tigen vermocht hätte. Der Domherr ſtand gänzlich ver⸗ ſtummt neben ihnen. Solche Scenen gehörten zu den Ex⸗ perimenten, die in ſeinem Laboratorium durchaus nicht Mode waren. Er hatte Gertrud immer ſehr lieb gehabt. Ihr friſches, fröhliches Leben gefiel ihm, und wenn er auch mit keinem Menſchen öfter haderte, als mit ihr, ſo wußte er dennoch, daß ein guter Kern in ihr war und daß ſie geſcheidter war, als ſie ſich das Anſehen gab. Aber die Reife des Gemüthes, die ſie jetzt und zwar in Aus⸗ drücken ſeiner geliebten Chemie entwickelte, die hatte er ihr nicht zugetraut. Sie flößte ihm Reſpect ein. Worte durften dieſen Auftritt nicht entheiligen, das fühlte er. Sie hätten daſſelbe Unglück anrichten können, wie ein Tropfen kaltes Waſſer in eine Retorte glühenden Metal⸗ les. Er ſchwieg alſo und blieb regungslos neben den beiden regungsloſen jungen Menſchen, in denen eine wohlthätige Reaction arbeitete.
Nach einer langen, langen Pauſe erhob Wolf ſein geſenktes Haupt.
„Gertrud, Ich bereue!“ ſprach er männlich feſt. „Gönnen Sie mir einen Blick zum Abſchiede!“ fügte er weich hinzu.
4 Schnell ließ ſie die Hand von den Augen ſinken. „Thörichter Menſch!“ flüſterte ſie durch ihre Thränen lächelnd und ſah ihm treuherzig in die Augen.


