216
Menſchen hineinzuſchauen vermögen, Herr Junker— ja, ſo weit iſt die Gefahr vorüber. Das gnädige Fräu⸗ lein hat es ſich mächtig viel Pflege koſten laſſen um den Herrn—
Ein Wink Thilo's gebot ihm Einhalt. Es war zu ſpät. Melitta ſtand ſchon neben dem Alten und fragte feſt:„Oswald lebt alſo?“
„Er lebt und ißt und trinkt wieder. Aber die Kräfte ſind weg. In der Klemme, wo er ſich befindet, kann er fernerhin nicht gedeihen— er muß fort. Des⸗ halb bin ich hermarſchirt, um das zu beſprechen.“
„O, guter, guter Fritſche!“ rief Fides, zärtlich ſeine Wange ſtreichelnd.„Ja ſeht nur, ich bin ja Junker Thilo's Frau! fügte ſie ſtolz hinzu.
Melitta hatte indeß mit bittender Geberde den Brief Bianca's ergriffen und war in's Fenſter getreten, um ihn zu leſen. Das letzte Sonnenglühen leuchtete ihr dazu.
Was ſie las, machte ſie beben. Oswald war ge⸗ fährlich verwundet am Rande des Fichtenwaldes bei Gommera liegen geblieben. Dort hatte ihn Bianca, mit gränzenloſem Erſtaunen ihn erkennend, entdeckt, als ſie mit der vollen Begeiſterung einer barmherzigen Sama⸗ riterin nach dem Kampfe hinausgeeilt war, den Ver⸗ wundeten hülfreich beizuſtehen. Er war vorſichtig nach dem jetzigen Aufenthaltsorte Bianca's geſchafft und


