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Fides blickte zu Melitta hin, die ganz ruhig zur Seite ſtand.„Begreifſt Du das?“ fragte dieſer kurze flüchtige Blick.
„Ich verachte den Glanz des Lebens mit dem Zwange „zu ſprechen,“„zu lächeln,“„ſich zu verbeugen,“„zu ge⸗ hen,“„zu eſſen,“„zu trinken,“„zu ſtehen“ und„zu den⸗ ken“ nach den Vorſchriften und Regeln der Convenienz!“ ſprach ſie freimüthig und laut.
„Und läge nicht in der allgemeinen Bewunderung, die Du ernten könnteſt, eine Vergütigung dieſes Zwan⸗ ges?“ fragte Frau von Ettershaiden leutſelig.
„Nein,“ entgegnete das junge Mädchen, indem es mit dem reizenden Muthwillen ihrer kindlichen Koketterie auf Herrn von Ettershaiden zuflog und ihn mit beiden Armen feſt umſchlang.„Mir iſt ein gütiger Blick vom lieben Vormund tauſendmal lieber, als alle Bewunde⸗ rung. Wenn ich das Glück, von ihm geliebt zu werden, ſo leichten Herzens verſchleudern wollte, ſo hätte ich nie verdient von ihm geliebt zu ſein!“
Eine athemloſe Stille folgte dieſen lauten Woiten. Frau von Ettershaiden erhob ſich. Ihr Auge begegnete
dem Auge ihres Gatten. Sie ſenkte es nicht ſchuldbe⸗
wußt, ſondern ließ es zerſtreut, ſinnend und unſicher auf ihm ruhen. Die Schwankungen ihrer Seele verrie⸗ then ſich in dieſem Blicke, ſie gab ihnen aber keine Worte, ſondern ſprach, mit Gleichmuth über das ganze


