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das junge Mädchen bei der Berührung dieſer Lippen, die ſtets nur kalte und wegwerfende Worte für ſie ge⸗ habt hatten. Scheu trat ſie zurück und ſetzte ſich fern von der Dame nieder. Eine Verlegenheit verrathende Stille trat ein. Herr von Ettershaiden fühlte ſich ge⸗ neigt, in edelmüthiger Schonung die Anweſenheit ſeiner Gemahlin als eine Annäherung gelten zu laſſen, allein ſie ſelbſt mußte die ſtarke Gränzlinie, welche ſie im Uebermaße der Eigenliebe und Herrſchſucht zwiſchen ſich und den übrigen Hausgenoſſen gezogen hatte, durch nachgiebige Worte vernichten, bevor er darauf eingehen konnte, dieſe Anweſenheit nicht bloß als einen Zufall oder höchſtens als eine gute Laune gelten zu laſſen. Es war ein Ehrenpunkt für ihn geworden, ſeinen Wil⸗ len aufrecht zu halten, nachdem er eine freiere Verfaſ⸗ ſung im Hauſe eingeführt hatte, und ſo ſehr ſein Herz, in der Schwäche früherer Gefühle, ihn drängte, gleich bei den erſten Schritten ſeiner Gattin ihrer Vorrechte zu gedenken, er blieb gehalten und gleichmüthig auf dem Standpunkte, den er ſich im Momente einer gro⸗ ßen Gemüthsbewegung errungen hatte.
Die geſellige Gewandtheit der Frau von Ettershai⸗ den kürzte die verlegene Stille. Sie wendete ſich zu ihrem Gemahle und ſagte:
„Muſik iſt doch wahrlich der einzig reine Quell,


