Teil eines Werkes 
1. Theil (1864)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

221

Genius der Kunſt, vergaß ſie die Demüthigungen, womit Frau von Ettershaiden ihre ſtolze Seele gepeinigt hatte. Sie wußte, daß ſie mit ihrem Muſiktalente dieſe Dame überflügelte und ſie glaubte den einzigen Weg, ſich ihrer Beurtheilung überheben zu können, nicht unbenutzt laſſen zu dürfen.

Frau von Ettershaiden hörte befriedigt zu. Die Ruhe ihres Gemüthes kleidete ihr vortrefflich. Melitta betrachtete ſie mit ſteigender Bewunderung. Was war es, was die eiſige Kälte des Hochmuthes von dieſem ſchneeweißen Geſichte gethauet hatte?

Fides ſpielte noch, als der alte Herr von Etters⸗ haiden in den Salon trat. Sein Auge traf auf ſeine Gattin. Dann ſuchte ſein Auge dem Blicke Melitta's zu begegnen. Noch lagerte eine Art ſtarren Erſtau⸗ nens in ſeinen Zügen, als Fides ihren gelungenen glän⸗ zenden Vortrag endete. Frau von Ettershaiden gab ihrem Beifall freundliche Worte und rief Fides zu ſich heran.

Du haſt entſchiodenes Talent zur Muſik, kleine Tyrnau komm, daß ich Dir meinen Dank aus⸗ drücke, ſprach ſie mit einem ſo gütigen Tone, daß der alte Herr wie träumend die Hand an die Stirn legte. Während deſſen war Fides zu der Dame herangetreten und hatte in halber Betäubung gefühlt, daß ihre Stirn geküßt wurde. Ein wunderbares Gefühl überrieſelte

1