Teil eines Werkes 
Die Tochter des Edelmanns : eine Schilderung aus der Wirklichkeit : 3. Band (1864)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

29

Am folgenden Morgen ganz früh ſtand Sturms Schlitten vor der Treppe, denn der Werkbeſitzer wollte nach der Grube reiſen. Magda war, als er von ihr Abſchied nahm, noch nicht angezogen. Porry be⸗ gleitete den Couſin. Magda war alſo ganz und gar ſich ſelbſt überlaſſen. Sie machte eine flüchtige Toi⸗ lette und begab ſich dann hinauf in das verlaſſene Atelier des zweiten Stockwerks.

Es war bedeutend verändert, ſeit Magda dort zum Erſtenmale eintrat.

Das Bild, welches auf der erſten Staffelei ſtand, und an welchem nur die Köpfe der beiden vornehm⸗ ſten Figuren gemalt waren, war jetzt ganz vollendet. Der Blick verweilte mit Bewunderung und Wohl⸗ gefallen bei demſelben.

Die ganze Geſtalt des Erlöſers hatte Etwas, welches ſo vollkommen im Einklang mit dem Aus⸗ druck des Geſichts ſtand, daß man ein ganz klares Bild vom Menſchen und Gott erhielt. So war es auch mit der Ehebrecherin.

Das ſpöttiſche Geſicht des Schriftgelehrten und der Ausdruck der Erwartung, der auf denen der Ue⸗ brigen ausgeprägt war, zeugte von dem ungewöhn⸗ lichen Talent desjenigen, welcher das Gemälde voll⸗ endet hatte. Noch waren nur einige Draperien zu malen übrig.

Als Magda in dieſes Heiligthum ihrer Künſtler⸗ ſeele hereinkam, trat ſie vor die Staffelei und betrach⸗ tete mit gefalteten Händen das Geſicht Chriſti. Das von Magda war traurig und bewegt; einige Seuf⸗ zer, welche einem Schluchzen glichen, hoben ihre