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Stolz lebte noch und er ſtützte ſie in dieſem Mo⸗ mente, wo ſie ihre Körperkräfte weichen fühlte. Wenn ſie aber gefürchtet hatte, demüthigenden Reminiszen⸗ zen zu begegnen, ſo erkannte ſie beim erſten Worte ihren Irrthum. Der Ausdruck ſeiner Stimme zeugte von einer tiefen Gemüthsbewegung, und der alte traute Jugendton, womit er ſie anredete, ließ mer⸗
ken, daß er alle Erinnerungen begraben hatte.
„Viktorine,“ begann er,„was haſt Du vor? Willſt Du gleich unſerm unglücklichen Freunde ver⸗ meſſen Dein Leben enden? Willſt Du Deiner Toch⸗ ter noch eine Schmerzenslaſt auf die junge Bruſt legen? Gehe in Dich.“— Er ſchwieg einen Augen⸗ blick, gleicham übermannt von dem Gedanken an die ſchreckliche Minute, wo er Ulrike zum erſten⸗ male an ſein Vaterherz gepreßt hatte. Dann aber erhob er ſeine Stimme in edler Wärme und beſchwor ſie mit der Gewandtheit eines Ausdruckes, wie ihn nur ein geſteigertes Seelenleben verleihen kann, ſich einem Daſein zu erhalten, das ihr eine ſchöne Wirk⸗ ſamkeit und in derſelben Sühne aller Irrungen ver⸗ ſpräche. Die Majorin hörte ſtill zu. Ein ſeltſames Leuchten ihres Auges, das weitgeöffnet nach dem klaren Abendhimmel hinausgerichtet war, verrieth ihre Aufmerkſamkeit. Als Herr Hans endlich ſchwieg,


