— 169—
verächtlich. Ich war der Anſicht, daß ſie durch dieſe Ausbildung zugleich Vieles verloren, was in meinen Augen mehr werth war als alles Andere— die
Sanftmuth und Freundlichkeit des Herzens. Vielleicht
that ich ihr Unrecht.
Es gab viele Fragen, die ich gern an ſie ge⸗ richtet hätte, aber unſer kindliches Vertrauen war zu Ende und das Zartgefühl geſtattete mir nicht, ihr Herz zu ſondiren. Von der Vergangenheit ſprachen wir niemals— ich meine von jener Vergangenheit, von jenen abenteuerlichen Wanderungen im Walde, den Bootfahrten auf dem See, den Scenen auf der von Palmen beſchatteten Inſel.
Ich fragte mich oft, ob ſie wohl Urſache hätte, daran zu denken, ob ihre Erinnerungen einige Aehn⸗ lichkeit mit den meinigen hätten.
In dieſen Punkten hatte ich niemals eine be⸗ ſtimmte Ueberzeugung gefühlt. Obſchon mißtrauiſch — einmal ſogar argwöhniſch— war ich nur ein blinder Beobachter, ein zu ſorgloſer Hüter geweſen.
Ganz gewiß waren meine Vermuthungen richtig
geweſen, denn warum ſchwieg ſie jetzt über Gegen⸗
ſtände und Scenen, die uns Beide ſo erfreuet hatten?
„Ward ihre Zunge durch die ſpäter erlangte Kenntniß
gefeſſelt, daß wir Unrecht gethan— ein Unrecht,
welches uns erſt durch das Mißfallen unſerer Eltern


