Teil eines Werkes 
4. Band (1861)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

17

zu hören, ſie zu ſehen. Wir ſind erſt ſeit ſechs Mona⸗ ten getrennt, doch kommt es mir vor, als wären es ſechs Jahre. Ach, wie ſehne ich mich, ihr um den Hals zu fallen, ihr ſchönes, goldenes Haar um meine Finger zu ſchlingen und in ihre unſchuldigen, blauen Augen zu ſchauen.

Wie aufrichtig empfand mein Herz ihre Sehn⸗ ſucht nach!

Meine ſüße, kleine Lilian! Ich ſage klein, vielleicht iſt ſie es nicht mehr. Nicht wahr, mein Herr, ſie iſt gewachſen, iſt zur Frau heran geblühet, wie ich?

Sie iſt beinahe erwachſen?

Sagen Sie mir, Herr, hat ſie von mir geſprochen? Ach, erzählen Sie mir, was ſie von ihrer Schweſter Marian geſagt hat?

Der Ton ihrer Stimme verrieth Beſorgniß. Ich ließ ſie nicht lange in Ungewißheit, ſondern beeilte mich, die zärtlichen Aeußerungen zu wiederholen, welche Lilian über ſie gethan hatte.

Die gute, freundliche Lil! Ich weiß, daß ſie mich liebt, wie ich ſie. Wir haben Jahrelang keine andere Geſellſchaft gehabt, als den Vater und uns. Geht es dem Vater gut?

In dem Tone dieſer Frage lag eine gewiſſe Kälte, die mit der Innigkeit ſcharf kontraſtirte, mit der ſie von ihrer Schweſter ſprach. Ich wußte nur zu gut, warum.

Die wilde Jägerin. IV. 2