Teil eines Werkes 
Schuld und Unschuld : Roman : 3. Band (1862)
Entstehung
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Eine Frau die ſich's zur Lebensaufgabe ge⸗ macht hat zu gefallen, einen Hof von aufwartenden Cavalieren zu haben die ihretwillen kommen und ſeufzen, verzeiht Alles, außer wenn ihr eine Erobe⸗ rung nicht gelungen iſt. Derſelbe Mann der Ge⸗ genſtand ihres bezauberndſten Lächelns, ihrer hin⸗ reißendſten Blicke geweſen, wird ihr Todfeind wenn er ihrem Eroberungsverſuche widerſtanden hat, und ſie thut jezt Alles um dem Unnah⸗ baren zu ſchaden. Jedermann weiß daß die Frau ein Engel iſt wenn ſie liebt, aber eine Furie wenn ſie haßt.

Natalie, dieſe Prieſterin der Eitelkeit, der Sa⸗ lonsintriguen und der Coketterie, ſie die niemals Freundſchaft, Liebe oder Haß empfunden hatte, wurde jezt von einem heftigen Verlangen ergriffen Lothar ein Leid zuzufügen, ihm einen recht bittern Schmerz, eine ſchwere Demüthigung zu verurſachen, ihm eine unheilbare Wunde zu ſchlagen. Und dann Schuld⸗ fried, dieſe Vermeſſene, die ſich erdreiſtet zwiſchen Natalie und Lothar zu treten, welches Uebel konnte man wohl ihr wünſchen das den Aerger Nataliens aufgewogen hätte? Indeß gehörte die Gräfin nicht zu denjenigen die unthätig daſizen und über ihre Verrechnungen nachgrübeln. Nein, ſie war vielmehr eine jener eigenſinnigen Naturen die ſich vom Wider⸗ ſtand reizen laſſen und ihren Gefühlen gerne auf eine thätige Art Luft ſchaffen.

Nur einige Minuten blieb Natalie, wie von ihrem Aerger betäubt, ſizen; dann ſprang ſie auf und klingelte heftig. Ein Bedienter erſchien.