45
„Wie gut ſie gegen ihren Neffen und Nichte war, das iſt ganz richtig; auch ſpotte ich nicht, ſondern will, wenn Du es erlaubſt, meine Erzählung fort⸗ ſezen. Dieſe ausgezeichnete Sängerin iſt meine Nichte.“
„Herr Jeſus, was ſagſt Du? Dieſes Weib das ein halb Duzend Männer und eben ſo viele Lieb⸗ haber gehabt hat, das ein ſo grundſchlechtes Ge⸗ ſchöpf iſt! Ach! das fehlte noch zu meinen Beküm⸗ merniſſen, daß ich Enochs Kind als ein verdammtes Weſen wieder finden mußte.“ Tante Sara verbarg ihr Geſicht in der Serviette und weinte.
„Verdammt! Was ſchwazeſt Du, Tante!“ ſagte Aberney mit gerunzelten Brauen.„Sie iſt eine große Künſtlerin und ein achtungswürdiges Frauen⸗ zimmer. Aber wer hat es gewagt Dir das Gegen⸗ theil einzureden?“ Aberneys Blick flog zu Tage hin⸗ über.
„Man hat mir nichts eingeredet,“ ſchluchzte die Tante;„Frau F. war da und erzählte die Lebens⸗ geſchichte der Sängerin. Mein Gott, ich ahnte da⸗ mals nicht daß es ſich um Enochs Kind handelte. Es iſt ſchrecklich, es iſt ſchauerlich.“
„Was liegt Schreckliches darin daß Enochs Toch⸗ ter eine ausgezeichnete Sängerin, daß ihr Name in ganz Europa berühmt iſt? Wenn Frau F. eine Lebensgeſchichte von ihr zuſammenzuphantaſiren be⸗ liebt, ſo dürfteſt doch Du, Tante, ſo vernünftig ſein nicht daran zu glauben, zumal da Du weißt wie unzuverläßig die Erzählungen der Frau F. ſind.“
„Man muß doch glauben was man nicht beſtrei⸗ ten kann, und daß ſie eine Theaterdame iſt, läßt


