Teil eines Werkes 
Schuld und Unschuld : Roman : 3. Band (1862)
Entstehung
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wirklicher Begeiſterung fortbedarf es der Un⸗ wahrheit und Verſtellung, um in den Character oder die Gefühle eines Tongemäldes verſezt zu werden? Bedaxf es nicht vielmehr Natur und wirkliches Gefühl? Ach! Ich weiß es daß ich, wenn ich ſinge, alles Andere über dem Geſang vergeſſe. Mein eigenes Ich iſt nicht mehr vorhanden, ich lebe und habe mein ganzes Weſen in der Muſik⸗ Ich bin ein Echo deſſen was der Componiſt geträumt hat, ich bin ein Theil von ihm, nicht von mir ſelbſt. Als mein Herz unter Sorgen und bittern Prüfun⸗ gen blutete, als rings umher Nacht war, da wurde es eitel Licht, ſobald ich mich auf den Schwingen der Töne über die ſo bittere Welt erheben durfte. Ich entfloh dann von dieſer zu einer beſſern. Mir war als ſei ich Gott näher gekommen. Ich dachte da nicht an die Lampen, die Couliſſen oder das Publicum.

Schuldfried verſtummte. Sie hatte mit dem Ausdruck von Wahrheit geſprochen, welchen nur der⸗ jenige in ſeiner Stimme niederlegen kann der ſeines Herzens heiligſte und wärmſte Gedanken in Worte kleidet. Auf den Profeſſor machten Schuldfrieds Worte einen lebhaften Eindruck. Er erkannte ihre Richtigfeit; aber noch erhoben ſich die Vorurtheile dagegen daß ſeine Nichte eine Theaterſängerin ſein ſolle. Man wird ſich erinnern daß Aberney der ältern Generation angehörte, und daß die in der Kindheit eingeſogenen Vorurtheile ſich am längſten erhalten. Er hatte ſein ganzes Leben hindurch eine unüberwindliche Antipathie gegen Theaterleute ge⸗ habt. Deßhalb ſchmerzte es ihn ſeinen Liebling, die