Teil eines Werkes 
Schuld und Unschuld : Roman : 3. Band (1862)
Entstehung
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nicht zum Voraus aufzuklären, ſondern ſtatt deſſen einen Beſuch bei Madame Dorbino abzuſtatten.

Es iſt der Morgen nach ihrem erſten Auftreten. Sie ſizt in einem allerliebſten kleinen Cabinet das mit Blumen angefüllt und von den klaren, freund⸗ lichen Strahlen der Maiſonne beglänzt iſt.

Betrachten wir das junge Weib einen Augen⸗ blick. Als wir ſie das lezte Mal ſahen, war ſie ein ſiebenzehnjähriges Mädchen, ein Kind, unbekannt mit dem Leben, ſeinen Laſten und Leiden, ſeinen Bekümmerniſſen, ſeinen Cabalen und verführeriſchen Freuden. Jezt waren ſechs Jahre vergangen. Aus dem ſorgloſen Kinde war ein Weib geworden. Aus der natürlichen Landdirne, die kein anderes Geſez für ihr Benehmen fand als ihre augenblicklichen Eingebungen, die nicht wußte was das Wort Ver⸗

ſtellung bedeutete, war eine ausgezeichnete Sängerin und eine gleich ausgezeichnete Schauſpielerin ge⸗ worden. Sie hatte ſich aus einem unbefangenen Naturkind in eine Perſon verwandelt die im höch⸗ ſten Grad in der Verſtellung heimiſch war. Sie, die mit ſiebzehn Jahren nur Ektorp und ſeine Um⸗ gebung gekannt, keine andern Menſchen geſehen als diejenigen die ſich in der kleinen Bezirkskirche ver⸗ ſammelten, ſie hatte jezt dieſe ſechs verfloſſenen Jahre in den größten Hauptſtädten der Welt, auf den vornehmſten Theatern Europas, umgeben von den größten Cabalen und den leichtſinnigſten Sitten, zugebracht. Welche Veränderungen mußten nicht in ihrem Innern vorgegangen ſein!

Betrachtet ſie wie ſie jezt in dem ſchneeweißen Morgenkleide daſizt, die üppigen Flechten einfach