Teil eines Werkes 
Schuld und Unschuld : Roman : 2. Band (1862)
Entstehung
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übte ſie keine entzückende Wirkung aus, ſondern eher das Gegentheil.

Sie gleicht Schuldfried wie eine Caricatur ihrem Original gleicht, dachte Lothar.Was bei Schuldfried hinreißende Natur und Wahrheit war, iſt bei ihr Kunſt und Studium. Ihr Anblick quält mich, weil ſie beweist daß die Anmuth und Grazie die bei gewiſſen Menſchen Naturgaben ſind von an⸗ dern copirt werden können. Dieſe Schäze von Auf⸗ richtigkeit und wahrer Unſchuld laſſen ſich auch durch Kunſt wiedergeben. Es iſt mir als ob ſie etwas Heiliges profanirte, wenn ich bei ihr eine Bewegung ſehe die an Schuldfried erinnert.

Die Folge war daß Lothar, im Widerſpiel gegen ſeine Cameraden, der Gräfin auswich, ſo weit die Höflichkeit es geſtattete. Er war indeß zu ſehr Gentleman um auch nur einen Augenblick zu ver⸗ geſſen was eine Dame von einem gebildeten Manne zu fordern berechtigt iſt. Höflich wenn er mit ihr zuſammentraf, zeigte er gleichwohl eine ſolche Kälte und einen ſolchen Mangel an Intereſſe, daß man wohl einſah wie ſeine verbindlichen Worte und die Aufmerkſamkeit die er ihr ſchenkte keinen andern Grund hatten als die Gewohnheit ſich gegen Da⸗ men im Allgemeinen ſo zu benehmen; eine Gewohn⸗ heit welche ſich Jeder aneignet der in höhern Ge⸗ Jellſchaftskreiſen gelebt hat. Allerdings ſchimmerte zuweilen eine unterdrückte Ueberlegenheit hervor, ein

Etwas das ſagte daß er dem ſchönen Geſchlecht

ſchmeichelhafte Redensarten und Artigkeiten zuwerfe, gerade wie man den Kindern Spielſachen zuwirft um ihre Wünſche zu befriedigen. Dieß mußte eine