Teil eines Werkes 
Schuld und Unschuld : Roman : 2. Band (1862)
Entstehung
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daß unſere Zeit demoraliſirt ſei. Wir haben Un⸗ recht. Wo immer eine gute, ſchöne oder großartige That ausgeführt wird, iſt Alles bereit ihr Achtung, Beifall und Bewunderung zu zollen, und zwar ſo unbedingt daß in ſolchen Augenblicken ſelbſt der Neid verſtummt. Wir vergeſſen uns ſelbſt um jubelnd einen ausgezeichneten Zug eines Mitmenſchen zu ver⸗ künden. Wenn dieß eine allgemein giltige Regel iſt, ſo gilt ſie ganz beſonders für Seeleute, bei denen Alles auf den Impuls des Augenblickes ankommt, und jede großſinnige Handlung iſt Etwas was den derben Söhnen des Meeres bis in die Seele hinein wohl thut, weil ihre Herzen unverdorbener und un⸗ verkünſtelter ſind als bei den Kindern der Städte.

Während Alle, vom Chef bis auf den geringſten Matroſen herab, Lothar die Rettung Tages zu hoher Ehre anrechneten, litt dieſer ſelbſt am Fieber. Er wurde dadurch Tag und Nacht an ſein Lager gefeſſelt, und ſein Gemüthszuſtand war auch nicht geeignet die Beſſerung zu beſchleunigen. Schon am Morgen nach der Sturmnacht erzählte ihin ein Came⸗ rad wem er ſeine Rettung zu verdanken habe. Dieſe Nachricht goß gleichſam Feuer in ſein fieberheißes Blut. Marternd war ihm der Gedanke daß er ge⸗ gen Canitz in einer ſolchen Schuld ſtehe.

Während er ſich auf ſeinem Lager wälzte, drängte ſich ihm unaufhörlich die bittere Vergleichung zwi⸗

ſchen ihm ſelbſt und Lothar auf. Die Scene in

Neapel, zwei Tage vor dem Sturm, als Tage ſich mit wilder Luſt an dem Seelenleid erlabte das er ſeinem verhaßten Nebenbuhler bereitet, trat ankla⸗ gend vor ſein Gedächtniß. Seine unedle Handlungs⸗