Teil eines Werkes 
Schuld und Unschuld : Roman : 1. Band (1862)
Entstehung
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„Harm, Du biſt ein großes und edles Weib. Als ſolches haſt Du ſtets vor meiner Phantaſie ge⸗ ſtanden, als ſolches bewahrte ich Dich immer gern in meiner Erinnerung. Dank, tauſend Dank, Du meine erſte und einzige Liebe, daß ich Dich ſo wie⸗ der gefunden.“ Er küßte ihre Hand; ein Schauer ging durch Harms ganzes Weſen, und ſie ſchloß ihre Augen um ihre äußere Ruhe bewahren zu können.

„Um meinetwillen brauchſt Du Deine Heimath und Deine Angehörigen nicht mehr zu fliehen.“

„Um Deinetwillen nicht, aber.. 2

„Keine Aber, denn Deines Bruders Frau kann unmöglich für Deine Ruhe gefährlich ſein.“ Harm lächelte ſo ſchweſterlich gegen ihn.„Laß uns das Vergangene vergeſſen und gute Verwandte und Freunde bleiben.“

„Du biſt glücklich?“

„Ja, ich bin ſehr glücklich,“ verſicherte Harm.

„Harm, laß uns dieß Geſpräch nicht länger fort⸗ ſezen. Ich habe dabei meine ganze Schwachheit kennen gelernt. In dieſem Augenblick wünſche ich daß ich Dich nie wieder geſehen hätte.“

Er erhob ſich und ging einige Male im Zimmer auf und ab.

Harm ſaß in dem Sopha zurückgelehnt und dachte:

„Mein Leben wollte ich gern dafür geben, wenn ich ſagen dürfte wie innig, wie ausſchließlich ich ihn liebe; aber ein einziges Wort das die Gefühle mei⸗ nes Herzens andeutete, würde mir für immer ſeine Achtung und mit ihr ſeine Liebe rauben.“ Sie drückte die Hand hart gegen ihre Bruſt und ſeuſzte.— Bei dieſem Tone blieb Enoch ſtehen.