Teil eines Werkes 
Schuld und Unschuld : Roman : 1. Band (1862)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

44

auf der Heimfahrt war Enoch ſo düſter, daß es ſo⸗ gar Aberney und Edith auffiel.

Am folgenden Morgen genügte jedoch die Ge⸗ ſchichte mit der Blume nicht mehr für Harms Herz. Gatte, Pflichten, Alles war vergeſſen. Sie beküm⸗ merte ſich nur um Eines, nämlich um die Gewißheit ob ſie geliebt werde oder nicht. Sie hatte ja nur noch zwei Tage Friſt bis zu ihrer Abreiſe, und ſie fand es unmöglich Stockholm zu verlaſſen, ehe Enoch mit Worten bekräftigt hätte was ſeine Blicke und die Bewegung mit der Blume ihr zu verſtehen gaben.— Den ganzen Tag wurde ſie von einer fieberhaften Angſt beherrſcht, die äußerſt peinlich wurde als Enoch nicht zum Vorſchein kam. Aberney war fort; Edith war mit einigen Bekannten ausgegangen; Harm hatte erklärt, ſie ſei unwohl und könne nicht mit⸗ kommen; Tante Sara hatte viel mit Speiſevorräthen und andern Reiſevorbereitungen zu ſchaffen, und ſo ſah Harm auch ſie nicht.

Gegen Abend kam Enoch nach Hauſe und fand Harm allein im Wohnzimmer. Ohne ſcheinbar im Mindeſten dadurch genirt zu ſein, begann er davon zu reden wie ſehr er beſchäftigt geweſen, und dann ging das Geſpräch auf andere Gegenſtände über. Enoch redete von der Heimath, und wie er ſich ſehne ſeine Brüder und ſeine Mutter wieder zu ſehen. Sein ungezwungenes Weſen wirkte auf Harm, ſo doß auch ſie allen Zwang ablegte.

„Wirſt Du nächſten Sommer nach Finnland hinüberkommen?“ fragte ſie..

„Ja, ganz ſicher. Ich habe den Verſuch früher

8