43
gemacht. Edith ſang und ſang ſo daß ſie alle Welt entzückte. In einen Armſtuhl zurückgelehnt, ſaß Harm in dem Cabinet das an den Saton grenzte. Sie hörte den Geſang nicht, ſo ſehr war ſie von den Gedanken an Enoch in Anſpruch genommen, ſo ſehr ſehnte ſie ſich nach einer Gewißheit ob ſein Blick wirklich ein Spiegelbild ſeiner Gefühle oder nur ein trügeriſches Luftgebild geweſen.
Enoch ſtand unmittelbar vor der Thüre des Ca⸗ binets; er hatte ſeinen Rücken Harm zugekehrt und . ſchien gänzlich in den Geſang verloren. Als dieſer verſtummte, wandte er ſich um; in demſelben Augen⸗ blick erhob ſich Harm um in den Salon hinauszu⸗ gehen. Bei dieſer Bewegung verlor ſie die weiße Roſe die in der Schärpe ſteckte. Ohne von Enoch ſcheinbar Notiz zu nehmen, ging ſie an ihm vorbei und trat in eine der aufgeſchlagenen Glasthüren, wo ſie ſtehen blieb und ſich mit Edith unterhielt. Wäh⸗ rend ſie daſtand, konnte ſie ins Cabinet hineinſehen und bemerkte ſehr wohl daß Enoch, einige Augen⸗ blicke nachdem ſie es verlaſſen hatte, hineinging. Durch die Vorhänge an den Glasthüren verborgen, drehte ſie ihren Kopf und ſchaute ihm nach. Sie ſah wie Enoch haſtig die Blume aufhob, an ſeine Lippen führte und an ſeiner Bruſt verbarg.
„Jezt kann ich glücklich ſterben,“ dachte Harm im ebermaß ihres Gefühles.„Ich weiß daß er mich noch liebt.“ Die übrigen Stunden des Abends war ſie ver⸗ gnügt und voll Seligkeit. Sie ſcherzte und lächelte, aber ohne ihre Worte an Enbch zu richten. Seine Stirne dagegen verfinſterte ſich immer mehr, und


