29
ſie ſich ungeſtört dem erſten Ausbruch ihres Schmer⸗ zes überlaſſen durfte. Was ſtand denn in dem Briefe um ihn hervorzurufen? Enochs Vernunft und Rechtsgefühl waren erwacht.
Als Harm und Enoch am vorhergehenden Abend ſich getrennt hatten, kam Caſpar zum Bruder her⸗ über und plauderte mit ihm bis tief in die Nacht hinein. Caſpar hatte von ſeiner Zärtlichkeit gegen Harm, ſeinen Hoffnungen auf Glück an ihrer Seite u. ſ. w. geſprochen. Er hatte mit ſo großer Zu⸗ verſicht von der Zukunft geredet, daß Enoch einen ſtechenden Schmerz empfand, als er ſich erinnerte was zwiſchen ihm und Harm vorgefallen war.
Von religiöſen und moraliſchen Eltern mit ſtren⸗ gen Begriffen von Ehre und Pflicht erzogen, hatten Aberneys Söhne von Kindheit auf die Rechte An⸗ derer und ihre eigenen Pflichten innig reſpectiren gelernt. Dabei herrſchte zwiſchen den Brüdern eine wahre Ergebenheit vor. Genug, Enoch betrachtete ſich als denjenigen der Caſpar verrathen hätte, und glaubte ſeine Augen nicht gegen ihn erheben zu dür⸗ fen. Durfte wohl er, Caſpars Bruder, deſſen Glück zerſtören und zu nichte machen? Ein Glück das man ihm von Kindheit an als den Gegenſtand aller ſei⸗ ner Träume vor Augen gehalten hatte!
Als Caſpar endlich Enoch verließ, ſchrieb dieſer an Harm. Er ſagte ihr Alles was ſein redliches und unverdorbenes Herz empfand, und daß er, ob ſchon er ſie innig liebe, doch eher ſterben als auf Koſten ſeines Bruders die Seligkeit einer Stunde erkaufen möchte. Er bat Harm ihn zu vergeſſen und ihre Liebe wieder demjenigen zuzuwenden der


