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Jahr meiner Ehe war ſonnenhell und voll Frieden, ſo daß ich die Macht, welche Du ausübteſt, vergaß. Ich konnte nicht begreifen, daß es ein ſtärkeres Gefuhl gebe, als dasjenige, welches mich an Allon kettete. Ich ahnte noch nicht, welche harten Prüfungen meiner warteten und wie ſchlecht ich dieſelben beſtehen würde. Ich hatte auf einen unſichern Boden gebaut, als ich auf meine eigene Kraft vertraute, und ich berechnete nicht, wie ſchwer es mit fallen würde, Allon's beſtän⸗ dige Angriffe auf mein Ehrgefühl und meinen Stolz zu ertragen. Meine Leiden wurden jedoch erſt dann recht bitter, als Allon's Eiferſucht geweckt wurde und ich dadurch über die Beſchaffenheit des Gefühls, wel⸗ ches von den Kinderjahren mich zu dir hingezogen hatte, Aufklärung erhielt. Dieſe furchtbare Wahrheit trat jedoch nicht eher vor meine Seele, als bis meine Zuneigung zu Allon zu erkalten anfing und ich aus Anlaß von Tante Katharina's Worten mein Inneres gewiſſenhaft zu erforſchen begann. Nachdem ich durch mehrwöchentliche Selbſtprüfung zu dieſer ſchmerzlichen Erkenntniß gelangt war, wollte ich eine jeder Ent⸗ ſagung fähige, rechtſchaffene Frau ſein; ich beſtrebte mich, es zu werden; aber meine Bemühungen blieben ohne Erfolg, weil ich vergaß, zu dem meine Zuflucht zu nehmen, welcher allein uns im Streite aufrecht zu erhalten vermag. Du, Stephan, und Tante Katharina, ihr waret es, welche mich Demuth, Verträglichkeit und Unterwerfung lehrten. Ihr beide waret es, welche mich auf das Höchſte und Beſte hinwieſen, wornach wir ſtreben ſollen, nämlich uns des Chriſtennamens würdig zu machen, und wenn ich heute eine veredelte und gebeſſerte Frau bin, ſo iſt dieß dein und Katha⸗ rina's Werk.“
„Nein, es iſt das Werk deines eigenen Herzens,“


