Teil eines Werkes 
Der Rechte : Erzählung : 3. Band (1864)
Entstehung
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Gurli that Nichts dergleichen, ſondern wanderte langſam auf dem ſchmalen Waldweg dahin, welcher zu der Kirche führte.

Wie vielmal und unter wie ungleichen Verhält⸗ niſſen war ſie ſchon dieſen Pfad gegangen!

Die Ereigniſſe, welche ſie durchlebt hatte, zogen auch jetzt an ihrer Seele vorüber; alle die ſtürmiſchen, ſchmerzlichen, unruhigen und widerſtreitenden Gefühle, welche ſie auf dieſem Wege, der zu der Mutter Grab leitete, vorwärts getrieben hatten, um jene innere Harmonie, deren ſie ſtets entbehrte, zu ſuchen, tauch⸗ ten jetzt in der Erinnerung vor ihr auf.

Als trauernde Tochter war ſie hieher gegangen, um die geliebte Mutter zu beweinen; als junges Mädchen, ſich ſelber innerlich noch nicht klar, war ſie hieher gekommen, um Ruhe und Aufklärung darüber, wie ſie handeln ſollte, zu finden; als unglückliche und gekränkte Gattin hatte ſie hier Troſt und Seelenſtärke geſucht; als geprüfte und ergebene Frau, feſt ent⸗ ſchloſſen, muthig gegen Kümmerniſſe zu kämpfen, hatte ſie hieher gewalfahrtet, um zu beten und zu weinen; und jetzt erſchien ſie hier als geſchiedene Frau, um demüthig zu erkennen, daß ſie viel gefehlt und viel zu fühnen hatte.

Gurli's Verlobung und Ehe, ihre S idung und Alles, was damit zuſammenhing, kam ihr wie ein ſchnell vorübergehender Traum vor und ſie fragte ſich ſelbſt, ob ſie es wirklich ſey, welche in einem Alter von etlichen zwanzig Jahren das Alles durchlebt hätte und ob nicht der größere Theil von allen ihren Leiden ein Werk von ihr ſelbſt gewaſen wäre. Die Erinnerung zeigte ihr, wie theuer ſie Allon einmal geweſen, und mit Demuth mußte ſie erkennen,

Schwartz, Der Rechte. III. 21