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ein gewöhnliches Mädchen; was würdeſt Du für die
wahre Urſache gehalten haben?“
„Deine Anhänglichkeit an mich. Ich hätte dann
geglaubt, Du würdeſt durch ein Band der Freund⸗ ſchaft an mich gefeſſelt, ſo daß ich für Dich unent⸗ behrlich wäre, und...
„Du einen Erſatz für Alles das ausmachteſt, was der Tod mir geraubt hat, willſt Du ſagen,“ fiel Gurli ein.—„Jetzt hingegen kannſt Du dir die Möglich⸗ keit nicht denken, daß ich in meiner Bruſt für Jemand anders als für mich ſelbſt Zuneigung bergen kann.“
„Ich glaube, Gurli, daß Du dergleichen ebenſo⸗ wenig für mich, als für Jemand anders hegſt. Du biſt allzu kalt, um deine Zuneigung einem andern Gegenſtande, außer dem Grabe deiner Mutter, zu⸗ wenden zu können.
Gurli warf ſich in die Wagenecke zurück, fuhr ſich
mit dem Taſchentuch über das Angeſicht und ſchwieg
einige Minuten. Darauf ſagte ſie lachend:
„Mit andern Worten, Eliſabeth, Du hältſt mich
für eine Egoiſtin. Möglich, daß ich es bin, ich weiß
das ſelbſt nicht; was ich aber weiß, iſt, daß deine
Worte einen ſchmerzlichen Eindruck auf mich machten. Du haſt ſeit meinem dreizehnten Jahre mich begleitet und geführt und alſo in dieſer Zeit noch nicht ver⸗ mocht, durch die rauhe Schale in mein Inneres ein⸗ zudringen, um einen Blick in das Herz zu werfen, welches Du unter deiner Obhut und Pflege hatteſt.“ „Gurli,“ fiel Eliſabeth lebhaft ein,„Du haſt dieſes Herz allzu ſorgfältig verſchloſſen, als daß ich hineinzublicken vermocht hätte. Du haſt mir blos
überlaſſen, Geiſt und Verſtand bei Dir auszubilden.“ „Vielleicht iſt es Dir ſo vorgekommen; aber ich hätte geglaubt, dein Auge würde dabei nicht ſtehen
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