Teil eines Werkes 
Der Rechte : Erzählung : 1. Band (1864)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

235

und ſeine letzten Tage zu erheitern, Du haſt ihn gleich⸗ gültig ſeinem Schickſal überlaſſen. Ich bin Dir ſo⸗ mit nichts ſchuldig. Ich habe mein Verſprechen in Bezug auf dich erfüllt, und Du haſt keinen weiteren Anſpruch an mich. Ich trete alſo einem Rechte von Dir nicht zu nahe, wenn ich in meinem Teſtamente dich von jedem Erbtheil ausſchließe.“

Nein, gewiß nicht“, Papa, fiel Gurli ein,„und ich fühle mich glücklich, in dem Bewußtſeyn, daß ich nicht zu denen gerechnet werde, welche erben wollen. Wenn mir der Gedanke immerdar widrig geweſen, daß ich von dem Gatten meiner Mutter pekuniären Vor⸗ theil ziehen ſollte, ſo wäre es mir jetzt geradezu ſchmerz⸗ lich, da ich fühle, daß es ein Gnadengeſchenk wäre, deſſen ich mich unwürdig gemacht habe. Ich danke Ihnen mein Vater, daß Sie mich davon befreiten.“

Gurli näherte ſich jetzt dem Stiefvater mit ſo demüthigem Blick, daß Falkenſtern davon überraſcht wurde. Sie ergriff ſeine Hand, drückte ſie an ihre Lippen und fuhr mit bewegler Stimme fort:

„Und nun, nachdem ich nicht mehr des Eigen⸗ nutzes beſchuldigt werden kann, wenn ich mich meinem Stiefvater zu nähern ſuche, ſage ich: vergeſſen Sie, wie gottlos ich geweſen, wie ſelbſtſüchtig ich mich ge⸗ zeigt habe, und geſtatten Sie mir, durch meine Be⸗ mühungen und meine Ergebenheit meinem Vater den Reſt ſeines Lebens minder ſchwer zu machen.“

Gurli war vor Falkenſtern's Füßen in das Gras niedergeſunken; ſie ſchloß ſeine Hände in die ihrigen und blickte mit Augen voll Thränen zu ihm auf, wäh⸗ rend ſie mit zitternder Stimme hinzuſetzte:

„Von dem Augenblick an, da ich meiner Mutter Brief von Papa empfing, habe ich gewünſcht, innig gewünſcht, mich dem Mann nähern zu können, welchen