Teil eines Werkes 
1. Band (1875)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

3

Allgemeinen durchſchnittlich im Sinken iſt, aus dem einfachen Grunde nämlich, weil die Großſtädte die Brutöfen des Laſters in jeglicher Fagon ſind, was ein gewiſſer Bismarck, der zu wiſſen pflegt was er ſagt, freilich ſchon zu einer Zeit behauptete, wo er noch weder Fürſt noch Ehrenbürger einer Großſtadt war.

Und ſo ſind denn allmälig die großen Städte die Centren der Fortentwickelung geworden, während die kleinen Städte in geſchäftlicher und geſellſchaftlicher Beziehung das conſervative Element freilich ſo ziemlich unbewußt repräſentiren; unbewußt und unfreiwillig, denn es iſt Lebensbedingung für einen Kleinſtädter, ſich ſo viel thunlich auf den Großſtädter zu ſpielen und ihn nach beſtem Können zu kopiren.

Nach einem ſolchen Kleinſtädtchen nun bitte ich den Leſer mir zu folgen.

Seitab von den, großen eiſenbelegten Verkehrs⸗ ſtraßen liegt das freundliche Städtchen Lindenheim. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß das Städtchen einmal Reichsſtadt war, obwohl es zur Zeit ſeiner reichs⸗ ſtädtiſchen Blüthe auch nicht mehr Einwohner zählte wie jetzt, was im Vertrauen geſagt zwiſchen zwei und dreitauſend heißt. Das hinderte aber in den vergangenen Zeiten nicht, daß der hochwohlweiſe Magiſtrat der freien Reichsſtadt Lindenheim ſeine hochnothpeinliche Gerichtsbarkeit ausübte und wacker drauflos foltern, ſchinden, hängen, köpfen, viertheilen ließ und was dergleichen vortreffliche Beſchäftigungen mehr ſind, wodurch dazumal die würdige Dame Juſtiz ihr Anſehen zu behaupten ſuchte und wußte.

1*

2