Teil eines Werkes 
1. Band (1818)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

19

verweilen, als ſie bluͤhen und ſuͤß ſind. Jetzt war ſie vier und zwanzig Jahr, man ſah ihr nicht an, daß ſie ſchon ſo viel aus dem Wonne⸗ kelch des Lebens getrunken hatte, Uebung im Genuß hatte ihre Zuͤge lockender, ihr Betragen feſſelnder gemacht. Wer ſie ſah und nichts von ihrer Auffuͤhrung wußte, wurde bezaubert. Um dieſe Zeit traf's, daß ein reicher Landedelmann durch's Staͤdtchen reiſte, ſie ſah und ſich in ſie verliebte. Er bemuͤhte ſich ſie zu ſprechen, und das gelang ihm bald. Sie war klug genug, ihn durch ihr Betragen noch mehr zu gewinnen. Freiheiten wurden mit Anſtand verwieſen, kuͤnſt⸗

lich wurde jeder Reiz im vortheilhafteſten Lichte

gezeigt, im Geſpraͤch war ſie launig, bei jeder Handlung munter und raſch, ihr Anzug gewaͤhlt und reizend, und bei jeder Gelegenheit gefaͤllig, ohne dreiſt oder zudringlich zu ſcheinen. Der

Herr von Weilburg, ledig, reich, ein Freund

von huͤbſchen Maͤdchen und ſein eigner Herr, faßte ſogleich den Vorſatz, ſie als Haushaͤlterin mit ſich zu nehmen. Auch bei dieſem Antrag

ſpielte ſie ihre Rolle gut, nach vielen Einwen⸗

dungen und Zweiſeln reiſte ſie mit. Er reiſte auf eins ſeiner Guͤter in einer der ſchoͤnſten Ge⸗

genden Deutſchlands. Das Gut war in dem