Teil eines Werkes 
Die Tochter des Edelmanns : eine Schilderung aus der Wirklichkeit : 1. Band (1863)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

45

Jahr älter iſt, ſo hat ſie doch nicht denſelben Un⸗ terricht gehabt, wie Du, meine liebe Jenny.

Hierauf fügte er hinzu, indem er ſich an die Gouvernante wandte:

— Sorenza Bencke iſt meine Pflegetochter. Ich habe in Verbindung mit ihren Verwandten geſtanden und mich deßhalb ihrer Zukunft angenommen.

Während dem hatte Sorenza mit ſcheuen Blicken und thränenbenezten Wangen ſich der Gräfin ge⸗ nähert, um zu grüßen und die dargereichte Hand zu küſſen.

Guten Tag,— war Alles, was die Gräfin ſagte.

Fräulein Gyllenſparre, welche fühlte, daß die ſcharfen Augen des Grafen auf ſie gerichtet waren, ſagte mit erkünſtelter Freundlichkeit:

— Willkommen, meine kleine, oder richtiger, große Schülerin.

— Nun, wirſt Du mich nicht begrüßen,— rief Jenny, als Sorenza, etwas ſchüchtern und verlegen, nicht wußte, was ſie thun ſollte.

Sorenza reichte dem Fräulein die Hand.

— Abh, meine Liebe, Du ſollſt mir nicht die Hand reichen, wenn ich es nicht thue; aber das iſt

einerlei, wir können uns ja doch vertragen, wenn

wir auch einander nicht die Hand reichen,— ſagte Jenny in ihrem ſtolzen und übermüthigen Tone.

— Was iſt das da, Jenny,— rief der Graf. — Reiche Sorenza ſofort die Hand!

Jenny hatte, wie Alle, großen Reſpekt vor dem Zorn des Vaters und ſie kam deßhalb ſofort ſeinem Befehle nach; aber die einmal zurückgewieſene Hand Srenze's wurde nicht mehr dem Fräulein hinge⸗