Teil eines Werkes 
39. Band, David Waldner : Roman : 2. Theil (1867)
Einzelbild herunterladen

183

Dagmar war glücklich geweſen; ihre Unruhe, Sorge und Schlafloſigkeit waren verſchwunden; aber in demſelben Maße, als dieſe weichen mußten, war ihre Liebe an Stärke gewachſen und nun ſo gut wie unbeſchränkte Herrſcherin über ihre Seele.

LII.

David und ſie ſaßen eines Abends neben einander und plauderten, als er plötzlich äußerte:

Am Schluſſe der nächſten Woche bin ich gezwungen, nach der Hauptſtadt und zu meinen Patienten zurückzukehren.

So bald wirſt Du mich verlaſſen! rief Dagmar.

Die Pflicht ruft mich, und ich muß gehorchen. Wir wer⸗ den uns trennen.

Dagmar wandte ſich ab, während ſie mit trauriger Stimme bemerkte:

Wenn Du reiſeſt, wird auch meine Freude und mein Frie⸗ den wieder verſchwinden. Die Sehnſucht nach Dir wird dann, wie in den zwei Jahren, da wir getrennt waren, mir endloſe Qualen ſchaffen. Die Urſache, warum wir getrennt von einander leben müſſen, wird ſich mir dann wieder aufdrängen und mein Daſein verbittern. In deiner NRähe flieht der Kummer; ich ver⸗ geſſe deſſelben und bin glücklich. Entfernt von Dir, wird das Leben mir zu einer drückenden Laſt.

Wenn dem ſo iſt, warum uns trennen? fragte David.

Warum uns beide zu thörichter Entſagung verurtheilen? Siehſt

Du nicht ein, daß meine Liebe deine Schutzwehr gegen Dich ſelbſt iſt, und daß, wenn Du durch dieſelbe gedeckt biſt, die Geſpenſter der Einbildung verjagt werden? Folge mir, und die Glückſeligkeit gehört uns. Ich kann nicht länger ohne Dich leben. Ich habe Jahre vergehen laſſen, ohne Dich zu ſehen, damit Du erkennen ſollteſt, daß die Liebe ſtärker iſt als deine Phantaſie. Ich wußte, Du würdeſt mich vermiſſen, und ich hoffte Alles von dieſer Sehn⸗ ſucht. Ich wartete und glaubte an deine Liebe. Habe ich ver⸗ gebens gewartet und gehofft? Soll ich reiſen.... reiſen ohne Dich?